Crisis and Form. Politicizations of Art 

1936 forderte Walter Benjamin angesichts der faschistischen Ästhetisierung der Politik eine Politisierung der Kunst – damit die Massen, wie es in seinem berühmten Diktum heißt, endlich zu ihrem Recht kämen und nicht bloß zu ihrem Ausdruck. In den technischen Umwälzungen seiner Zeit erkannte er die Chance, Kunst aus ihrem »parasitären Dasein am Ritual« zu lösen und demokratische Energien freizusetzen. Fast neunzig Jahre später hat sich zumindest das Versprechen der technischen Reproduzierbarkeit erfüllt: Jeder transportiert mittlerweile ein Filmstudio in der eigenen Hosentasche und wird als Laie zum Content Creator. Doch die Produktions- und Eigentumsverhältnisse, die Benjamin als Hemmnis identifizierte, haben sich verschärft: Plattformkapitalismus, algorithmische Gouvernementalität und generative KI haben die Öffentlichkeit in fragmentierte Räume zersplittert und autoritären Tendenzen Aufschwung verschafft. 

Auch wirkt heute die Frage nach dem emanzipatorischen Potenzial von Kunst wirtschaftspraktisch und theoretisch erschöpft, bevor sie überhaupt gestellt wird. Adornos Idee ästhetischer Autonomie, Rancières Aufteilung des Sinnlichen, Bürgers Institutionenkritik – all diese zentralen Konzepte kritischer Kunsttheorie sind längst in institutionelle Routinen übergegangen oder selbst Teil des globalen Kunstmarktes und seiner kapitalistischen Logiken geworden. Dabei ist die Erwartung einer emanzipatorischen Kunst historisch relativ jungen Datums und keineswegs selbstverständlich. Kunst diente jahrhundertelang der Herrschaftsrepräsentation, Propaganda, religiösen Erbauung oder schlicht als Zierde – das war kein Verrat an ihrer eigentlichen Bestimmung, sondern bezeichnete ihre gesellschaftliche Funktion. Wenn Kunst, wie Thomas Brasch feststellte, nie ein Mittel war, um die Welt zu verändern, sondern vielmehr, um sie zu überleben, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für ihre Politisierung unter gegenwärtigen Bedingungen? 

Diese Frage wird umso dringlicher, als wir heute – zwar in anderer Form, aber nicht minder tiefgreifend als zu Benjamins Zeiten – neue Verschränkungen von Wahrnehmung, Erfahrung und Technik erleben, auf die die traditionelle Kunsttheorie keine Antwort mehr zu geben weiß. Die Tagung nimmt diese Krise zum Anlass, um zu erkunden, was Politisierung der Kunst heute überhaupt bedeuten kann. Hierzu ist in den vergangenen Jahren der Formbegriff neu ins Spiel gebracht worden. Form umfasst sowohl künstlerische Darstellungsformen als auch ihre medialen Konstellationen und die Formen ihrer Institutionalisierung und kann nicht – im Sinne eines klassischen Formalismus – im Gegensatz zu Inhalten gedacht werden. Statt nach Rettungsankern für die Kunstautonomie zu suchen, sollen konkrete ästhetische Funktionsweisen untersucht werden: Wie kuratieren Institutionen Relevanz? Welche Affekte mobilisiert Krisenästhetik? Was macht »Protocol Art« in Netzwerkstaaten? Wie formt KI das ästhetische Urteil um? Und sind Kunst und ihre Theorie bereit anzuerkennen, dass sie Krisen gestalten und kuratieren, aber nicht heilen können? 

The conference is a cooperation between:
the Media Philosophy Working Group in the German Society for Media Studies (Gesellschaft für Medienwissenschaft, GfM)
the German Society for Aesthetics (Deutsche Gesellschaft für Ästhetik, DGÄ)
the Institute for Advanced Study in the Humanities (Kulturwissenschaftliches Institut, KWI) in Essen. The proceedings will be published in an open access publication. 

Convenors

Johannes Bennke, Filmuniversity Babelsberg
Julika Griem, KWI Essen
Christian Grüny, University of Music and Performing Arts Stuttgart
Mona Leinung, KWI Essen
Markus Rautzenberg, Folkwang University of the Arts Essen
Mirjam Schaub, Hamburg University of Applied Sciences 

Participation

For registration please contact Mona Leinung (mona.leinung@kwi-nrw.demona.leinung@kwi-nrw.de) via email until 10th April 2026.